WAZ-Bochum-21-10-05
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"Platte machen", beschreiben Nichtsesshafte ihren Tagesinhalt, der sich bei halbwegs trockenem Wetter meist auf öffentlichen Plätzen in der Innenstadt abspielt. Beliebt ist der Hauptbahnhof, der Husemannplatz oder der Springer- platz. In der letzten Zeit haben die Konflikte zugenommen. Mit Platzverweisen schicken Ordnungsamt und Polizei die Nichtsesshaften weg. Hintergrund sind meist Beschwerden oder Beobachtungen der Ordnungskräfte. Dabei fordern sie bessere Schlafplätze, auch nachts ge- öffnete öffentliche Toiletten oder auch die Möglichkeit, in leerstehende Häusern einzuziehen und sie zu renovieren. Bereits knapp 800 Unterschriften wollen sie gesammelt haben, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Im Bereich des Hauptbahnhofs hatten sie sogar Plakate aufgehängt, die ließ jedoch das Ordnungsamt wieder abhängen, weil die Schilder nicht genehmigt waren. Auch Manfred Mate und Michael Alba "machen Platte". Scheidung und Arbeitslosigkeit zerstörte ihre bürgerliche Existenz. Sie kritisieren die Praxis der Platzverweise. "Wir werden überall weggeschickt, wir sind doch keine Menschen 3. Klasse", sagen sie. Mit der jetzt gestarteten Aktion wollen sie auf ihre Situation aufmerksam machen. Polizei und Stadt bestätigen, dass es in der letzten Zeit vermehrt Beschwerden gegeben habe. So hätten sich Markthändler am Buddenbergplatz hinter dem Hauptbahnhof beklagt, dass immer wieder gegen Marktstände gepinkelt würde. Stadtpressesprecherin Tanja Wissing berichtet von den Erfahrungen des Ordnungsamtes aus der Innenstadt: "Da wurde Müll hinterlassen, in Büsche uriniert, andere Menschen angepöbelt oder aggressiv gebettelt." Solche Fälle seien als Störung der öffentlichen Sicherheit zu werten. Nicht zutreffend sei der Vorwurf aus der Nichtsesshaften-Szene, dass die Leute ohne jeden Vorfall von bestimmten Plätzen verwiesen würden. "Die Leute können sich natürlich auf öffentlichen Flächen aufhalten." Die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes ist mit diesen Problemen aus vielen Erfahrungen heraus vertraut. Ein Grund dafür, dass Menschen ohne Wohnung ungern im Fliedner-Haus nächtigen ist, dass sich die Leute dort häufig gegenseitig bestehlen. "Wir bieten daher an, dass Klienten von uns ihr Geld in der Beratungsstelle deponieren können", so versichert die Leiterin der Wohnungslosenhilfe Gerlinde Fuisting. Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, dass Nichtsesshafte eben in der Regel optisch unangenehm auffallen und daher möglicherweise bei Platzverweisen mit zweierlei Maß gemessen werde. "Dabei denke ich etwa an den Alkoholkonsum im Bereich des Bermudadreiecks außerhalb der dortigen Gaststätten", so vermutet Fuisting. Pro Jahr lassen sich rund 600 Menschen von der Wohnungslosenhilfe beraten, darunter ein knappes Drittel Frauen. In diesem Jahr habe die Zahl leicht zugenommen. Die Dunkelziffer liege jedoch deutlich darüber. Kommentar 2. Lokalseite |
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