Keine Kohle für solche Kunst!

Lehrende und Studierende der Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum plädieren angesichts des künstlerischen Desasters der Ruhrfestspiele für einen Neubeginn in der Kulturförderung des Landes NRW

Ein Jahr nach der skandalösen Kündigung des künstlerisch erfolgreichen Festival-Leiters Frank Castorf sind die Ruhrfestspiele auf einem Tiefpunkt angelangt. Drittklassige Eigeninszenierungen, ein vollkommen unreflektierter Umgang mit der Tradition des deutschen Stadttheaters, für die in der hier aufbereiteten Form der Name Lessing steht, sowie eine unverfrorene Zweit- und Drittverwertung älterer Theaterproduktionen wurden hier zu einem Programm zusammengemischt, das sich in künstlerischer Hinsicht nicht behaupten konnte. Neben dem Programm, das in den Stadttheatern des Reviers angeboten wird, erscheint das Programm des neuen Leiters Frank Hoffmann nicht als Bereicherung sondern als marktorientierter Vorschlag zur Senkung von Kosten und Niveau - das Theater Oberhausen hat mit seiner
Kinder der Sonne-Produktion, das Bochumer Schauspielhaus mit seiner Nietzsche-Trilogie, das Düsseldorfer Schauspielhaus mit seiner Inszenierung von Wildes Ernst ist das Leben. Bunbury und das Theater an der Ruhr mit Dantons Tod bewiesen, daß es solcher "Festspiele" in dieser Region schlichtweg nicht bedarf. Was in Recklinghausen angeboten wird, unterschreitet die Standards und das künstlerische Niveau, das im Revier erreicht ist. Hier wird Kultur vom Land gefördert, die nicht wagt, was ohne öffentliches Geld nicht zu produzieren ist, sondern vormacht, wie man öffentliches Geld für am kommerziellen Erfolg orientierte Produktionen abzockt. In Recklinghausen wird das Publikum nicht durch neue Impulse für das Theater von morgen interessiert, sondern mit bieder-saturierten Konserven auf das Theater von vorgestern eingeschworen.

Angesichts dieser Entwicklung fordern wir die Streichung der Landeszuschüsse für die Ruhrfestspiele und ihre Umlage auf innovative und experimentierfreudige Institutionen wie den Pact Zollverein Essen, den Ringlokschuppen Mülheim, das FFT und das Tanzhaus Düsseldorf, die Fidena, das Theater an der Ruhr oder für einen Basisfonds für Projekte im Bereich der freien Szene, kurz: für alle die Institutionen, die heute jene Funktion übernehmen, die einst durch Kulturfestivals wie die Ruhrfestspiele abgedeckt werden sollten..

Dabei möchten wir betonen, daß es nicht darum gehen darf, daß das Land aus seiner Verpflichtung für die Kultur in der Region aussteigen darf! Vielmehr haben die Ruhrfestspiele auf dem Niveau, auf dem sie in diesem Jahr angekommen sind, diese Verpflichtung obsolet werden lassen. Provinziell und am reinen Kassenerfolg ausgerichtet, wie das Programm angelegt war, muß es in Zukunft in die freie Konkurrenz mit anderen kommerziellen Kulturanbietern wie den verschiedenen Privattheatern und dem
Starlight Express entlassen werden. Es kann nicht angehen, daß mit öffentlichem Geld die Senkung des in der Region Rhein-Ruhr erreichten Niveaus finanziert wird.


Prof. Dr. Ulrike Haß, Prof. Dr. Guido Hiß, Dr. Jürgen Groß, Dr. Nikolaus Müller-Schöll
Der Fachschaftsrat der Theaterwissenschaft