Der Held von Hamme
von Ulrich Schröder
Die Samstagnacht fällt schwärzer aus als sonst an der Ruhr. Menschen fliehen in Panik durch Straßenschluchten,
nichts geht mehr, einige stürzen in den Fluß. Tote und Verletzte aber bleiben aus, und im Bochumer Bergmannsheil
gelingt gar eine Lebertransplantation bei Notbeleuchtung. Der blackout in weiten Landesteilen, angeblich verursacht
durch eine umgestürzte Pappel im Sauerland, kommt jedoch keineswegs überraschend: Nach der Privatisierung
des Elektrizitätsnetzes gibt es offenbar noch Abstimmungsprobleme mit den Forstbehörden.
Die Energieversorgung im Ruhrgebiet müsse daher autark gesichert werden, heißt es in Verwaltungskreisen,
und Bochum soll als Testort dienen. Das Prinzip des zugleich arbeitsmarktstimulierenden Wettbewerbs
"workout against blackout" ist umwerfend einfach: Sämtliche Erwerbslosen sollen an zentralen Plätzen
in den einzelnen Stadtvierteln zusammengezogen werden, um den Nachweis anzutreten, daß zur Aktivierung erneuerbarer
Energiequellen keineswegs nur auf Wasser, Wind und Sonne zurückgegriffen werden muß. Stromerzeugung
soll endlich an der Basis der Gesellschaft organisiert werden - denn auch für eine umweltschonende Energieversorgung
müsse künftig gelten: Im Mittelpunkt steht immer der Mensch.
Binnen weniger Wochen werden auf Parkplätzen und Märkten riesenhafte Installationen errichtet, deren
verblüffende Ähnlichkeit mit überlebensgroßen Hamsterrädern nicht ganz verleugnet werden
kann. Um diese Maßnahme zu popularisieren, gilt es, den Öko-Aspekt besonders hervorzuheben - daher knüpft
die anstehende PR-Kampagne an die Tradition autofreier Sonntage an. Außerdem startet der workout against
blackout zu Beginn der wärmeren Jahreszeit, um zumindest den Anfangselan der Wettbewerbsteilnehmer auf hohem
Niveau zu halten. Auch will die um einen Image-Wandel bemühte sozialdemokratische Klientel bedacht sein -
Gott sei Dank fällt der 1. Mai 2011 auf einen Sonntag...
Schon am Vorabend kennt die Kreativität keine Grenzen: Beim Tanz in den Mai wird diesmal nicht um dürre
Stangen gehüpft, sondern um die gigantischen Stromerzeugungsinstallationen. Für den dauerarbeitslosen
Mittdreißiger Egon K. verläuft dieser letzte Aprilabend ebenfalls etwas anders als gewohnt. Heute will
er es endlich allen zeigen: Zum Hausmeister, Kranführer oder Fensterputzer hat es eben nicht gereicht - geschenkt;
diesmal aber will er sich richtig ins Zeug legen - schließlich geht es hier nicht um irgendeinen beliebigen
Job, sondern um die Zukunft der Stadt! Nachdem schon das kommunale Kanalisationsnetz nach Übersee verschachert
worden ist, darf nun nicht auch noch die Stromversorgung dran glauben - wo soll das alles sonst noch enden?
Ab 23 Uhr ist Anmeldung. Mitmachen dürfen nur Volljährige, die im jeweiligen Stadtteil gemeldet, nicht
vorbestraft und nachweislich erwerbslos sind. Egon ist einer der ersten beim Bewerber-Check in Bochum-Hamme. Lange
wird sein Gesicht mit dem Lichtbild im Personalausweis verglichen, das polizeiliche Führungszeugnis gemustert
und der Erwerbslosennachweis überprüft. Dann muß er noch einige Probeminuten auf einem Laufband
absolvieren, um seine Tauglichkeit für eines der fünf Hamsterräder zu testen: ' T1' gemusterte kommen
ins schnellste Rad, ' T5er ' ins langsamste. Egon schafft T1. Man läßt ihn ins Turbo-Rad.
Um Punkt 0 Uhr soll es losgehen. Egons große Stunde ist gekommen - er zittert vor Anspannung. Neben seinen
über zwanzig Mitstreitern spürt er, daß es auf jeden einzelnen ankommt: Alle müssen alles
geben, um die Provinzmetropole in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Dieser Strom wird ein anderer sein als jener
aus der Steckdose - in jeder Kilowattsekunde wird die geballte Muskelkraft der Erwerbslosen stecken. Die Werbeslogans
für den Wettbewerb schießen Egon durch den Kopf: Workout against blackout - mach's dir selbst: solidarisch,
ökologisch, gesund.
Um Mitternacht dann endlich der Startschuß: Auf sämtlichen hamsterradbestückten Plätzen der
Stadt geben die Teilnehmer nun Vollgas, lassen den Tiger aus dem Schrank und traktieren wie besessen die Laufradsprossen.
Zunächst läuft alles wie geschmiert - außer in Langendreer, wo Unbekannte einen Anschlag auf das
Leitungsnetz verüben: Kurzschluß im Verteilersystem, Kabelbrand, keine Ersatzteile da, Langendreer ist
dunkel.
Als nächstes gehen im Bochumer Süden die Lichter aus: Schon nach zwei Stunden können nicht mehr
alle Räder besetzt werden - zuerst müssen einzelne Straßenzüge in Stiepel abgeschaltet werden.
Selbst die größten Optimisten dürften nun einsehen, daß der Nobel-Vorort offenbar unter zu
geringer Erwerbslosigkeit leidet - ein unhaltbarer Zustand, der wohl dringend einer Änderung bedarf. Gegen
3 Uhr ist es ganz vorbei, und nur das Zisterzienserkloster ist noch beleuchtet, da die Mönche mit der Stadt
eine geheime Sondervereinbarung ausgehandelt haben und sofort eine Notstromversorgung aktiviert wird. Um halb vier
ist in Sundern Schicht im Schacht, sogar in der Sternwarte wird es vollkommen finster.
Als auch der Rest der Stadt beinahe ausnahmslos verdunkelt ist und selbst Wattenscheid nach zähem Ringen kapituliert,
bleibt nur noch ein Stadtteil erleuchtet: Hamme. Egon schwitzt und rackert, und selbst als die Sonne schon hoch
am Himmel steht, strampelt er weiter im Turbo-Rad. Alle sind sie jetzt da: Bildzeitungspaparazzi und RTL-2-Fuzzis,
Lokalradio-Schnösel und private Webcam-Betreiber. "Egon"-Rufe hallen über den Platz, Dead Bull
hat einen Werbestand aufgebaut und versorgt den neuen Star mit Gratisgetränken. Auf einer improvisierten Bühne
hält der Bezirksvorsteher eine spontane Mai-Ansprache, in der Egons Durchhaltewille gewürdigt wird. Ein
neuer Typus aktiver Erwerbslosigkeit sei hervorgebracht, ein Durchbruch in der Arbeitsmarktpolitik gelungen - mit
Vorbildfunktion fürs ganze Land et cetera: Der anbrechende Tag gehört Egon.
Am Abend jedoch ist der Platz beinahe verwaist. Nur noch ein Kameramann von Arte harrt bis 24 Uhr aus. In allen
Straßen brennt wieder Licht. Egon aber rennt weiter.
Er rennt - allein.
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