PROFESSOR DR DENIS GOLDBERG

PO Box 19089, N7 7WZ London

Great Britain

denis.goldberg@virgin.net

21. September 2000

                                       

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe Ihnen wegen der Zunahme rassistischer Gewalt und rassistischer politischer Organisationen, die es gegenwärtig in Deutschland gibt. Obwohl das kein neues Phänomen ist, zeigt es eine neue Intensität und Gefahr. Gleichzeitig gibt es eine neue Möglichkeit, gegen die Manifestationen dieser sozialen und politischen Krankheit vorzugehen.

Ich selbst bin in Südafrika geboren und aufgewachsen. Im Jahr 1963 verhaftet, wurde ich von den südafrikanischen Gerichten im Rivonia-Prozeß mit Nelson Mandela und anderen Führern zu viermal lebenslänglich verurteilt. 1985 wurde ich entlassen. Nachdem ich im ANC-Büro in London bis 1994, der Wahl von Nelson Mandela zum südafrikanischen Präsidenten, gearbeitet habe, wurde ich Mitbegründer von Community H.E.A.R.T., einer registrierten caritativen Organisation mit Büros in London und Essen. Sie unterstützt Rekonstruktionsprojekte zur Überwindung des Erbes des Apartheid.

Die Arbeit von Community H.E.A.R.T. e.V. erfordert, daß ich sehr viel in Deutschland unterwegs bin, um über Südafrika zu sprechen und zu lesen. Da mich der Apartheid-Rassismus zu unserem Befreiungskampf in Südafrika führte, bin ich sensibilisiert, wenn ich Rassismus in anderen Ländern erlebe. Deutschland ist derzeit eines der Zentren des Problems.

Es sind nicht nur die steigenden Zahlen rassistischer Angriffe, sondern die Tatsache wachsender Brutalität. Der Mord an einem jungen Mocambiquaner, Vater von drei Kindern, der im Ostteil von Deutschland lebte, hat aus einer ganzen Anzahl von Gründen heraus, die Aufmerksamkeit der Medien, der Öffentlichkeit und der Politiker erregt. Dieses traurige Ereignis ist ein einzigartiger Anlaß, gegen die Herausforderung des Rassismus etwas zu tun. Herr Bundespräsident Rau hat die deutsche Bevölkerung aufgerufen, gegen Rassismus aufzustehen.

Herr Bundeskanzler Schröder hat das brutale Verbrechen verurteilt. Industrie und Gewerkschaften haben gemeinsame Erklärungen zu der Notwendigkeit abgegeben, rassistische Gewalt zu bekämpfen und die rechten neonazistischen Extremisten zu isolieren.

Die Situation ruft nach breitestmöglicher Beteiligung von Menschen in Ost und West, weil es auch in Westdeutschland viele rassistische Überfälle gibt. Es scheint mir, daß die Einheit zwischen den Menschen aus Ost und West durch eine breitangelegte Anti-Rassismus-Kampagne auf nichtparteigebundener Basis beflügelt werden kann. Ich denke, daß die Kirchen in dieser Sache bestens die Initiative ergreifen könnten.

Ich würde einen Ökumenischen Tag, eine große zentrale Demonstration gegen Rassismus in einer ostdeutschen Stadt als politischen Höhepunkt einer ganzen Kampagne vorschlagen. Ich hoffe dabei, daß dafür ein bundesweit akzeptiertes Datum gefunden werden kann.

Die Kampagne braucht einen längeren Zeitraum, damit für sie in Ost und West effektive öffentliche Unterstützung aufgebaut werden kann, aber es sollte nicht so lange dauern, daß sie ihre Aktualität verliert. Sie könnte schrittweise geführt werden und in der Anti-Rassismus-Demonstration zentrieren. Sowohl die Kampagne als auch der Höhepunkt sollten dazu dienen, die Erklärung von Bundespräsident Rau zu bekräftigen, daß Handeln das beste Mittel ist, die rechten Extremisten unter politische Kontrolle zu bringen. Damit verteidigen die Bürger sowohl die Menschenrechte in ihrer ganzen Breite (in Übereinstimmung mit der Europäischen Konvention der Menschenrechte) als auch ihre verfassungsmäßigen Rechte, die für alle gelten sollten, die in Deutschland leben: Landesbürger, sowie andere Mitbürger und Besucher. Die Schlüsselelemente, örtliche Treffen und Demonstrationen, die die Kanzeln und die Medien in jeder Form nutzen, sind wichtig, um der Sache energisch Geltung zu verschaffen.

Ich glaube, daß sich die Teilnahme nicht nur auf engagierte Kirchenvertreter beschränken sollte, obwohl ich denke, daß die Kirchen bei der Kampagne führen sollten. Gemeindeorganisationen, Rentner, Jugendliche, Frauengruppen und Berufsverbände sollten sich beteiligen. Schriftsteller, Künstler und Schauspieler haben sich in der Vergangenheit ähnlich geäußert. Viele Organisationen mit Millionen von Mitgliedern könnten folgen, die vielen Hilfsprojekte, Eine-Welt-Netzwerke und -Läden, die es in Deutschland gibt und diejenigen, die sie unterstützen. Ich möchte auch Schulen und Universitäten ansprechen, Lehrer, die sich bereits in Anti-Rassismus-Aktionen engagieren und das weiterhin tun wollen.

Es gibt aber auch Lehrer und andere Menschen in einigen Teilen des Landes, die angegriffen wurden und sich nun fürchten. Die Kampagne könnte ihnen helfen, ihre Furcht zu überwinden, die in einigen Fällen sehr real ist. Kinder sollten ermutigt werden, sich entsprechend zu beteiligen. Ihre Malwettbewerbe, Gedichte, Spiele und Theateraufführungen gegen Rassismus und für Menschenrechte könnten eine bedeutende Komponente dieser Kampagne werden. Die Kinder sind unsere anti-rassistische Zukunft.

Ich würde gern sehen, daß sich bei der großen Anti-Rassismus-Demonstration die Teilnehmer mit einem Appell an ihre Landesregierungen bzw. die Bundesregierung wenden, im Rahmen der bereits vorhandenen Gesetze gegen diejenigen vorzugehen, die die Rechte anderer auf einer rassistischen Basis verletzen. Das soll heißen, daß Straftaten verfolgt werden müssen. Durch oft passives Verhalten von Polizei und Sicherheitskräften fühlen sich rechte Extremisten vor Bestrafung sicher. Deshalb sollten wir auch in Deutschland sehen, daß gerade in diesen Institutionen rassistisches Verhalten tief in den Strukturen verwurzelt ist. In Großbritannien und in den USA (Apartheid Südafrika war mein persönlicher Ausgangspunkt) wird das bereits aufmerksam verfolgt. Wenn diese Institutionen entsprechend korrekt bei rassistischen Fragen handeln, sollten wir solches Verhalten würdigen.

Ich glaube, es gibt eine einmalige Gelegenheit. Abgeordnete, die Industrie, die Gewerkschaften und Medien, die bisher geschwiegen, ungewollt oder gewollt rassistisches Verhalten als Ausdruck eines nationalen Chauvinismus gebilligt haben, sprechen sich jetzt gegen Rassismus aus.

Was die Medien betrifft, sollten wir dafür sorgen, daß über die Kampagne adäquat berichtet wird. Unglücklicherweise liegt es in der Natur von Nachrichten, den kleinen Gruppen rassistischer Gewalttäter erhöhte Aufmerksamkeit zu geben, als den Aktionen oft tausender ihrer Gegner. Die Medien haben so dazu beigetragen, daß sich Tendenzen der Passivität breitgemacht hat und es scheint, als hätten wir uns den Angriffen der Rechtsextremisten ergeben. Gegen diesem Eindruck müssen wir uns wehren. Es ist an der Zeit, daß die Rechtsextremisten verstehen, daß sie es sind, die in der Isolation leben. Sie dürfen keine Sympathie mehr in der deutschen Bevölkerung finden und müssen die volle Kraft der Gesetze zu spüren bekommen. Ich habe in großen und kleinen Städten in ganz Deutschland gesprochen. Ich habe meine Erfahrungen gemacht. Wir müssen beweisen, daß es wahr ist, daß die Menschen in Deutschland die Rechte aller Bewohner schützen, gleich, ob sie Minderheiten oder Mehrheiten sind.

Es ist an der Zeit zu handeln!

Wenn unterdrückte Südafrikaner das mächtige Apartheidregime stürzen konnten, das sich durch Rassismus per Gesetz legitimierte, dann können gewiß auch die Menschen Europas mit der Unterstützung ihrer Regierungen und der Gesetze ihrer Länder gegen die Rassisten aufstehen.

Ich hoffe, Sie nehmen meinen sehr persönlichen Appell sehr ernst. Bitte diskutieren Sie das Anliegen mit Ihren Kollegen, um zu sehen, wie es breitest und auf effektivstem Wege verwirklicht werden kann. Bitte sehen Sie meinen Brief nicht als Einmischung eines Ausländers. Meine Besorgnis kommt aus einer tiefen Überzeugung und einer lebenslangen persönlichen Erfahrung, daß Intoleranz und Vorurteile bekämpft werden müssen, ehe sie sich gefährlich in unserer Zivilgesellschaft verwurzeln. Deutschland ist eines der gewichtigsten Länder der Welt, und es könnte ein wunderbares Beispiel für uns alle setzen.

Hochachtungsvoll

Gez. Goldberg

 

P.S. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie diesen Brief an Freunde, Kollegen und andere weiterreichen würden, von denen Sie annehmen, das sie diese dringende Aufgabe aufgreifen werden.

 


PROFESSOR DR DENIS GOLDBERG

PO Box 19089, N7 7WZ London

Great Britain

denis.goldberg@virgin.net

 

 

21 September 2000

 

Dear Friend,

I am writing to you about the dangers of the spate of racist violence and racist political organisation in Germany at the present time. While it is not a new phenomenon there is a new intensity and danger. At the same time there is a new opportunity to act against these manifestations of social and political disease.

My own background is that I was born in and grew up in South Africa. Arrested in 1963 I was sentenced in the Rivonia Trial with Nelson Mandela and other leaders to four life sentences. I was released in 1985. After working in the ANC office in London until Nelson Mandela was elected President in 1994, I co-founded Community H.E.A.R.T., a registered charity, with offices in London and Essen, to support projects for reconstruction to overcome the legacy of apartheid racism in Southern Africa.

The work of Community H.E.A.R.T. e.V. requires that I travel extensively in Germany where I give talks and readings about South Africa. Because apartheid racism brought me into our struggle for liberation in South Africa I am always aware of racism when I meet it in other countries too. Germany is at present one of the centres of this problem.

It is not so much that there are more racist attacks in Germany than previously. It is a simple fact of political life that the murder of a young Mozambican father of three children resident in the Eastern part of Germany was particularly brutal and has for complex reasons caught the attention of the media, and therefore of the public and of politicians. This sad event has given rise to a unique opportunity to act on the issue of racism. The Bundes President Herr Rau has called on the German people to stand up against racism.

Bundes Chancellor Herr Schroeder has condemned the brutal crime, and industry and the trade unions have issued joint statements on the need to combat the crime of racism and isolate the rightwing neo-nazi extremists.

The situation is one which calls for the broadest possible involvement of people in East and West because there have been many racist attacks in the West as well. It seems to me that building unity between the people of East and West may be strongly advanced through a broad anti-racism campaign conducted on a non-party political basis. My observation is that it is the churches that are most capable of taking the initiative on this matter.

I would like to suggest an Ecumenical Day, THE RALLY AGAINST RACISM DAY, in a city in the Eastern part of Germany as the culmination of the campaign. I would hope that a broadly accepted date of countrywide significance could be found.

The campaign needs to be long enough to build up the public support in West and East it must have to be effective, but not so long that it loses momentum. That phase of the campaign would culminate in The Rally Against Racism Day. The point of the campaign and rally is to validate President Rau's statement that it is action by the people that is best able to bring the rightwing extremists under political control to defend the broad human rights (consider the European Convention on Human Rights) and the Constitutional rights of all who live in Germany: German citizens, longterm residents and visitors. Therefore key elements are local meetings and rallies using the pulpits and the media in every form to raise the matter vigorously.

It seems to me that participation should not be limited only to committed church people, though the churches should take the lead. Broad committees of community organisations, pensioners and youth, women's organisations, and professional bodies should be encouraged to ensure the widest possible public participation. Writers, artists and performers have spoken out in the past on similar issues. Many community organisations with millions of members would speak out. For example there are the many third world help projects and the network of One World Shops that exist in Germany and whose members and supporters would surely want to participate.

I would like to see schools and universities involved. There are many teachers who are ready to speak out and already do so on issues such as racism. There are, however, teachers, and others, in some parts of the country who have been intimidated and are afraid to speak out. The campaign could help to overcome those fears which in some cases are very real and not just imagined.

Children might be encouraged to take part in local competitions for appropriate age groups. Their drawings, poems and prose and plays about anti-racism and the rights of human beings could form a powerful component of the campaign. It is the children who are the anti-racist future.

I would like to see THE RALLY AGAINST RACISM DAY present a broad petition from the people of Germany to their own Federal Government and Government at every level calling for the use of existing laws to deal with those who violate the rights of others on a racist basis. That means getting the criminal justice system to act on complaints. Unfortunately the often passive response of the police and security services allows the right wing extremists to believe that they will not be prosecuted for their criminal actions. The key element, as in countries like Britain and the USA (apartheid South Africa was my personal starting point), is to get those institutions to acknowledge how deeply entrenched racist attitudes are in all structures of the criminal justice system. When these institutions act properly on the issue of racism, we should acknowledge their actions.

I believe there is a unique moment at hand. Elected Government officials, industry, trade unions, and even media who have previously been silent on the issue or have even implicitly and explicitly justified racist attitudes as expressions of national chauvinism, are speaking out against racism now.

In relation to the media, we need to ensure that the campaign is adequately reported. Unfortunately, the nature of "news" gives disproportionate space and air time to small groups of violent racist thugs while tending to ignore rallies of many thousands of people who oppose their bigoted attitudes. The media approach tends to assume, and encourage the belief, that decent people are passive and that we are surrendering under the attacks from rightwing extremists. This perception must be changed. It is the right wing extremists who must come to understand how isolated they are. They must learn that when they break the laws protecting the rights of people they will be dealt with by the full force of the law because that is what the German people want. I have spoken in large cities and small towns all over Germany. I know this to be true. We need to prove it is true and we need to ensure that the people of Germany will preserve the rights of all people, whether of minority or majority groups.

The time to act is now!

If oppressed South Africans could overthrow the powerful apartheid regime based upon racism by law, then people in Europe with the support of their government and the laws of the land can surely act against the racists and defeat them.

I do hope you will take this very personal appeal to you very seriously. Please discuss the concept with colleagues to see how it may be implemented in the broadest and most effective possible way.

Please do not see my letter to you as interference from a foreigner. My concern arises from a deep conviction and a life time of personal experience that bigotry and prejudice must be combatted before it becomes dangerously entrenched in our civil society. Germany is one of the world's heavyweight countries and it could set a wonderful example to us all.

Yours sincerely

 

Signed Denis Goldberg

 

P.S. I would be very pleased if you were to send this letter to friends, colleagues and others whom you think might take up this burning issue.