Vor mehr als 30 Jahren wurde in Bochum eine Weglauf-Initiative gegründet. Hier organisierten sich Menschen, die sich dem herrschenden Psychiatrie-System entziehen und ihre Probleme anders lösen wollten. Die daraus entstandene Organisation von „Psychiatrie Erfahrenen“ hat heute einen Förderungsbescheid über 700.000 Euro der Sozialstiftung NRW erhalten für ein Projekt „Patientenverfügung voranbringen – Rechte stärken“. Das Projekt möchte Betroffene von Psychiatrisierung und Menschen mit psychosozialen Behinderungen dabei unterstützen, ihr Recht auf Selbstbestimmung auch in Momenten wahrzunehmen, in denen diese Fähigkeiten eingeschränkt sind.
Das ganze ist ein ziemlich einzigartiges Projekt. Auch international ist keine Initiative bekannt, die das Selbstbestimmungsrecht von Psychiatrie-Betroffenen derart fördert. Drei Landtagsabgeordnete von CDU und SPD wohnten der Übergabe des Förderungsbescheides bei. Das macht skeptisch, ob es tatsächlich um die in der UN-Behindertenrechtskonvention verankerten Rechte geht, „Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit als Rechtssubjekt (Art. 12 UN-BRK) wahrzunehmen und Vorsorge für Phasen zu treffen, in denen diese Fähigkeiten krankheitsbedingt als eingeschränkt gelten“.
Der Verdacht liegt nahe, dass ein selbstbestimmtes Handeln z. B. auch stationäre Unterbringung ausschließt und dadurch – für die Politik interessant – weniger Kosten verursacht. Bei aller Skepsis ist es positiv, dass die geplante „Patientenverfügung“ helfen kann, dass Kliniken im Ernstfall wissen, was die Patienten wollen und was nicht.
„Viele Menschen erleben in der Psychiatrie unerwünschte und oft unpassende Behandlungen und Gewalt. Die psychiatrische Willenserklärung bietet Betroffenen die rechtssichere Möglichkeit, eine Einweisung zu verhindern oder Behandlungsmethoden und Bevollmächtigte selbst zu wählen. Unser wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt wird diese Erklärung stärken und dazu beitragen, Betroffenen die Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben“, erklärte die Pressesprecherin des Projekts, Maria Bischof.