
Nr. 46 • 14. November 2000
Hochschule: Die stillen Stars der RUB,
Call a Prof
Sinnbild stupidester Ausbeutung arbeitender Menschen war lange Zeit das Fließband. Mit der Verlagerung der
Hauptmöglichkeit des Profiterwerbs vom sekundären in den tertiären Gewerbesektor hat sich auch dieses
Bild (zumindest in den ehemaligen Industrienationen) gewandelt: Die prototypisch unter unmenschlichen Bedingungen
für einen Hungerlohn Arbeitenden sind heute die MitarbeiterInnen in Call- Centern.
Stundenlang vor dem Computer sitzen, Telefonate beantworten, dabei keine Sekunde eigene Gedanken entwickeln müssen,
immer freundlich sein und als Krönung dabei auch noch wie im Sprachlabor überwacht werden – so sieht
die Arbeitsrealität für in Call- Centern Beschäftigte, allein in Bochum (dank den auch Studis gerne
beschäftigenden QVC und Citibank) Tausende aus. Ganz nebenbei ist nicht nur der Inhalt dieser Tätigkeit,
sondern auch seine Form nahezu prototypisch für Beschäftigungsverhältnisse unserer Tage, sind doch
fast alle Tätigkeiten im Call- Center-Bereich so genannte McJobs, also outgesourcete Jobs im Umfang von Nebentätigkeiten
mit mangelnder sozialer Absicherung.
drittmittelkönig
Des einen Leid ist des anderen Freud: In diesem Fall freut sich Prof. Dr. Heinrich Wottawa von der Fakultät
für Psychologie, nominell Inhaber des Lehrstuhls für Methodenlehre, Diagnostik und Evaluation. Wenn er
sich denn mal an die Methodenlehre hielte, ein lehrintensives Fachgebiet, in dem er immerhin dereinst sogar mal
ein Standardwerk veröffentlicht hat. Stattdessen hat er für sich seinen Lehrstuhl schon lange umgewidmet
in Wirtschaftspsychologie und verfolgt allem Anschein nach vor allem ein Ziel, nämlich Drittmittelkönig
der Uni zu werden.
Angefangen hat alles mit dem Zusatzstudiengang „Financial Consultant Deutsche Bank“, den Wottawa seit dem letzten
Wintersemester in Kooperation mit der Deutschen Bank durchführt (vgl. 2313 Nr. 15, S. 4– 5). Schon damals
schrieb die Pressestelle der Uni ganz richtig: „Die RUB verläßt mit diesem Studienangebot den traditionellen
Rahmen der Universität und erschließt sich neue Geschäftsbereiche, indem sie ein auf die Bedürfnisse
eines Großkunden maßgeschneidertes Weiterbildendes Studium anbietet.“ Solange man mit „traditionellem
Rahmen“ verknöcherte Strukturen und veraltete Lehrangebote assoziiert, klingt das ganz gut – hat man aber
einmal gemerkt, dass es grundständige Lehre und Forschung sind, die zugunsten des Deutsche- Bank- Schnickschnacks
leiden, kommen einem die gepriesenen „neuen Geschäftsbereiche“ schon nicht mehr so großartig vor.
konto sperren!!!
Und nun durften es also die Call- Center sein. Auch die anspruchloseste Tätigkeit ist immer noch zu optimieren.
So können manche Call-Center- Angestellte die Knöpfchen für „Bestellung aufnehmen“ oder „Konto sperren“
oder weißderkuckuckwas natürlich immer noch schneller drücken als andere, und das ist es ja schließlich,
was die Personalchefs interessiert – und Herrn Wottawa. Der hat sich nämlich ein Testverfahren ausgedacht,
das misst, wie effektiv BewerberInnen in der Lage sind, ihr Gehirn in den Schlafmodus zu schalten und möglichst
rückenmarkorientiert, also mithilfe von Reflexen, zu operieren. Auf ins Zeitalter der reibungslosen, marktgerechten
Verwertung: Die RUB- Forschung macht‘ s möglich!
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