Nr. 48 • 28. November 2000


Unschmackhaftes Männersüppchen
Kritik an stabilen männlichen Identitäten

Im Zuge der gegenwärtigen akademi-
schen Debatten über das Verhältnis
von Frauenforschung und Geschlechter-
forschung hat sich auch der Marktwert
von Männerforschung erhöht. In Kanada,
Britannien, Australien und den USA ent-
standen die Men‘ s Studies als profe-
ministische Reaktion auf Frauenbewe-
gung, Frauenforschung und die Trans-
formation der Geschlechterverhältnisse.
So widmen sie sich v. a. der Analyse
von Männlichkeit(en) und hierarchisie-
renden Geschlechtergrenzen sowie deren
Herstellungsmechanismen. In Deutsch-
land sind die Protagonisten des sich ge-
rade erst formierenden Forschungsfeldes
meist der Männergruppenszene verbun-
den, die nicht eben durch ausgeprägten
Profeminismus von sich reden macht.
Vielmehr ist schon seit den frühen 1980ern
eine Entkoppelung der bundesdeutschen
Männergruppenszene von Frauenbewegung
und feministischen Politikformen und -inhal-
ten zu beobachten. Seit den 1990ern schließ-
lich sind essentialistische Konzepte männli-
cher Identität weit verbreitet, während die
pro- maskuline und esoterische Strömung der
sogenannten Mythopoeten ein erhebliches
Gewicht in der Szene und Einfluss auf Jungen-
und Männerarbeit wie auf Männerforschung
gewonnen hat. Dass die deutsche Männerfor-
schung angesichts dieser Konstellation nicht
über eine heterosexuelle, also auch hetero-
sexistische, Perspektive hinaus kommt, kann
kaum verwundern.
hollsteinsche dämmerung
Die Grenzen der Männerforschung zur psycho-
logistischen und populärwissenschaftlichen
Männerliteratur sind fließend. Walter Holl-
stein, Inhaber eines Lehrstuhls für politische
Soziologie an der Evangelischen Fachhoch-
schule Berlin, gilt als der vielleicht bekann-
teste deutsche Männerbuchautor und ist zu-
gleich – leider exemplarischer – Repräsen-
tant der Männerforschung. In seiner jüngsten
Publikation Männerdämmerung (1999) sorgt
er sich um den unsicheren Mann. Patriarcha-
le Machtverhältnisse erwähnt Hollstein zwar,
doch geht es ihm um Wichtigeres: nämlich
um die Festigung männlicher Identität. Als
konkrete Utopie gilt ihm die sich egalitär ge-
bende heterosexuelle und weiße Zweikarrie-
renfamilie, womit er dem Mittelklassekontext
der Männergruppenszene entgegenkommt.
Hollstein ist damit beschäftigt, seinen Le-
sern gute Zeugnisse auszustellen: „Männli-
che Fortschritte sind unverkennbar. Die meis-
ten Veränderungen haben sich bei Männern
in den beiden Mittelschichten ergeben.“ Ver-
änderungen in der Oberklasse hingegen sei-
en gering geblieben, in der Unterklasse ha-
ben sie quasi nicht stattgefunden:
„[…] die Männerwirklichkeit hat sich deut-
lich verändert, was ebenfalls primär für die
Mittelschicht gilt. Die Männer sind in den
vergangenen Jahren vor allem gefühlvoller
geworden, können besser zuhören, gehen
mehr auf die Bedürfnisse der Frauen ein, kön-
nen auch mal passiv sein, sind weniger au-
toritär. Als eigene Veränderungen werden vor-
nehmlich angegeben: ‚nehme meine Gefüh-
le ernster als früher‘, ‚grenze mich besser
ab‘, ‚habe mehr Körperbewußtsein‘, ‚Männer-
freundschaften‘, ‚bin sexuell gelöster‘, ‚kann
Nichtrationales zulassen‘, ‚offener gegenüber
Kritik‘, ‚toleranter‘, ‚solidarischer‘. Hier gilt in-
dessen die Einschränkung, daß männliche
Veränderungen offenbar primär ein Thema
der Mittelschichten und allenfalls tertiär ei-
nes der Oberschicht sind, während in den Un-
terschichten weitgehend überhaupt nicht be-
griffen wird, worum es dabei geht.“
alle machos sind arbeiter
Konsequente Ignoranz aktueller empirischer
Studien gepaart mit Klassenarroganz allein
kann Grundlage solcher Aussagen sein. Gera-
de hinsichtlich Männern der Mittelklasse und
selbst bürgerlicher Männergruppen ist funda-
mental zwischen egalitärer Rhetorik und tra-
dierter Praxis zu unterscheiden. Eine umfang-
reiche Studie der Deutschen Forschungsge-
sellschaft (DFG) bezweifelt fundamental die
Progressivität eben dieser Gruppen (beispiels-
weise erliegen gerade im akademischen Mili-
eu viele Paare der Illusion der Gleichverteilung
häuslicher Pfl ichten), während sie tatsäch-
liche Veränderungen dort entdeckt, wo für
Hollstein nur proletarische Begriffsstutzigkeit
herrscht. Hollsteins angewiderte Warnung vor
dem Pöbel scheint anderen Zwecken zu fol-
gen als der halbwegs zutreffenden Beschrei-
bung gesellschaftlicher Prozesse. Doch nicht
nur die Mittelklasse will verteidigt sein:
alle machos sind ossis
„Was […] zur Sorge Anlaß gibt, sind die Aus-
wirkungen, die der Anschluß der DDR an die
Bundesrepublik und die Öffnung nach Osten
auf die Männerfrage haben. Weder in der
DDR noch in Osteuropa hatte sich herumge-
sprochen, daß es so etwas wie eine Män-
nerfrage überhaupt gibt. Die männliche Rolle
war hier noch unbefragt und unrefl ektiert, der
Zusammenhang von Frauenfrage und Män-
nerfrage nicht hergestellt. Männliche Verhal-
tensmuster bewerten sich auf dem Standard
unserer fünfziger Jahre. Solche Feststellun-
gen haben mit Arroganz nichts zu tun, son-
dern sind das Ergebnis ganz nüchterner Wirk-
lichkeitsbetrachtung. Rückwirkungen auf die
Geschlechterverhältnisse der Bundesrepublik
werden dabei nicht ausbleiben. Das machisti-
sche Potential aus der DDR und von osteuro-
päischen Zuwanderern wird unzweifelhaft ei-
nen ‚backlash‘ in der Geschlechterfrage pro-
vozieren. Ganz direkt wird die Front reaktionä-
rer Männer in der Bundesrepublik gestärkt.“
Dass Studien, die das Verhalten ost- und
westdeutscher Männer vergleichen, das Ge-
genteil belegen, lässt Hollstein aus wie kalt.
alle machos sind ausländer
Hat Hollstein sich erst einmal warmgeschrie-
ben, so nutzt er seine definitionsmächtige
Stimme, um auch Folgendes kundzutun:
„Vermehrt schwemmen die globalen Mig-
rationsbewegungen Männer aus Osteuropa,
Asien und Schwarzafrika zu uns, die mit dem
Gewohnheitsrecht aufgewachsen sind, ihre
Frauen als Objekte zu behandeln. Die Gewalt-
tätigkeit junger Immigranten nimmt zu. Auch
in diesem brisanten Bereich wird politisch
und pädagogisch fast nichts getan.“
Nun ist es ein Problem, beliebter Autor
der Männergruppenszene zu sein. Aber
nötigt dies dazu, ungefragt wie ungehemmt
Partei zu ergreifen für solch unprofessoral
simple Formen des Rassismus?
Die Männerforschung im deutschspra-
chigen Raum steht an ihren Anfängen. Holl-
steins jüngste Ausfälle haben zwar Dis-
tanzierungsbewegungen bei einigen Au-
toren hervorgerufen, ein breiter und offe-
ner Bruch mit ihm ist jedoch nicht erfolgt.
Während in der Frauen- und Geschlech-
terforschung und in den englischsprachi-
gen Men’s Studies Debatten über die Be-
deutung von Zwangsheterosexismus, Rassis-
mus und Klassenverhältnissen selbstverständ-
lich geworden sind, ist die Männerforschung
hierzulande in dieser Hinsicht nicht nur äu-
ßerst zurückhaltend, sondern weist systema-
tische Verzerrungen auf. Hiesigen Männerfor-
schern wiegt die Empathie für stabile männli-
che Identität schwerer als die Analyse aktuel-
ler Ausformungen hegemonialer Männlichkeit
– heterosexistisch, neoliberal, modern. Aus
feministischer, herrschaftskritischer Perspek-
tive stellt sich daher die Frage, ob nicht ver-
schiedene Männerforscher (gerade vor dem
Hintergrund der Männergruppenszene) ein
eher unschmackhaftes Süppchen kochen.

Torsten Wöllmann