Hanno Jentzsch und Rolf van Raden kommentieren in der am Mittwoch erscheinenden Ausgabe der BSZ die Absage von Josef Ackermann, im Schauspielhaus über die Herausforderung Zukunft zu reden: »Was für eine verquere Debatte: Da sagt ein prominenter Banker, der zwischen Aufsichtsräten, Presseterminen und Talkshows hin und her tingelt, einen Termin in Bochum ab, weil er sich der Kritik der Öffentlichkeit nicht stellen will – und KommentatorInnen unterstellen nicht Ackermann, sondern seinen KritikerInnen mangelndes Demokratieverständnis. Kulturdezernent Michael Townsend überrascht sich selbst: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich noch einmal für Herrn Ackermann in die Bresche springen würde“, und Ruhrbaron Stefan Laurin poltert: „Ein Sieg aller, für die Meinungsfreiheit nur bedeutet, die eigene Meinung verbreiten zu können“. So ein Quatsch. Selbst, wenn ganz Bochum und auch noch Frank-Patrick Steckel mit jeder ultralinken Faser ihrer Selbst gegen einen Auftritt von Ackermann protestieren würden, dann wäre auch das keine Einschränkung seiner Redefreiheit. Der Kerl kann einfach morgen eine Pressekonferenz einberufen, wenn er was zu sagen hat – und es stünde in allen Zeitungen.Das Gegenteil ist der Fall: Nicht die Meinungsfreiheit von Herrn Ackermann wird in dieser Debatte in Frage gestellt. Vielmehr sagen die empörten AdvokatInnen der Ackermann-PR-Veranstaltung mit ihrer Verurteilung der Kritik implizit: Die Kritik an Ackermann sollte nicht (oder zumindest nicht in dieser Form) geäußert werden. Wenn also irgendwo in dieser Auseinandersetzung die Forderung nach Redeverboten im Raum steht, dann doch hier.
Die Argumentation der selbsternannten WächterInnen der Meinungsfreiheit erinnert fatal an eine Kampagne der Bildzeitung anlässlich der Sarrazin-Debatte: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, überschrieb sie eine Reihe von Sarrazins rassistischen Thesen, die sich ohne jede Einschränkung von Meinungsfreiheit millionenfach verkaufen. Und trotzdem diente die Behauptung einer angeblichen Einschränkung von Meinungsfreiheit dazu, die legitime Sarrazin-Kritik ins vermeintlich undemokratische Abseits zu stellen.
Zurück zum aktuellen Fall: Wer nicht will, dass Josef Ackermann und Edmund Stoiber sich im städtischen Theater die Bälle zuwerfen, wer das sogar unerträglich findet und sich dafür stark macht, dass eine solche Veranstaltung kritisiert, boykottiert oder auch ganz abgesagt wird, erteilt kein „Redeverbot“, sondern sagt einfach die eigene Meinung. So funktioniert demokratische Öffentlichkeit. Und in der Auseinandersetzung darüber, ob das Schauspielhaus der richtige Ort für eine PR-Veranstaltung mit Ackermann ist, waren die KritikerInnen noch nicht einmal erfolgreich: Nicht die Stadt als Hausherrin hat abgesagt, sondern Ackermann selbst. Die Vorwürfe von Townsend, Laurin und Co für falsch zu erachten, bedeutet noch lange nicht, dass man zwangsläufig das moralisierende Gerede von Ackermann als „hoch verderblicher Person“ für eine treffende Kapitalismusanalyse hält. Es bedeutet nur: Kritik ist Meinung, keine Einschränkung von Meinungsfreiheit.«
Montag 01.08.11, 22:11 Uhr
BSZ-Kommentar
Ha, das ist natürlich ein schlagendes Argument, das mir vorher nicht so deutlich aufgefallen ist:
Ackermann sagt ab, weil er kein Bock auf die geplanten Proteste (Rottstr5-Gegenveranstaltung, Volkstheater vor dem Schauspielhaus und was sonst noch alles geplant war) hatte. Wenn Leute jetzt aber nicht Ackermann dafür kritisieren, sondern diejenigen, die Protest angekündigt haben, dann ist das eine Forderung danach, dass sie gefälligst nicht (so) protestieren sollen. Mit anderen Worten: Ein Statement gegen deren freie Meinungsäußerung – und das auch noch unter dem Vorwand, angeblich für freie Meinungsäußerung zu kämpfen.
Schön, wie sich falsch verstandener Liberalismus hier mal wieder selbst entzaubert. Ackermann entzieht sich aus freien Stücken der angekündigten Kritik. Er hätte sich nur dann nach Bochum bequemt, wenn alle anderen von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht so Gebrauch gemacht hätten, wie sie es gerne wollten. Ein solches Schweigen im Walde hätten Townsend und Laurin dann womöglich als einen Sieg der Meinungsfreiheit und Debattenkultur angesehen. Armes Bochum.
@ Florafauna
Genau diese Polterlinie wurde bei Ruhrbarone bedingungslos gefahren. Ruhrbarone, respektive Stefan Laurin, werden leider immer selbstverliebter. Da werden unliebsame Kommentare, die nicht „linientreu“ sind, gern und schnell gelöscht. Dort stand übrigens auch der hier zitierte Kommentar von Herrn Townsend.
Um so wohltuender die glasklare und wenig verbissene Position, die in der BSZ zum Besten gegeben wird. Dankeschön.
@Eurasientale:
Naja, man kann den Ruhrbaronen meinetwegen vorwerfen, dass sie auch hin und wieder mal Quatsch schreiben – wie eben in diesem Fall. Aber Vorwürfe von wegen „Wer nicht linientreu ist, wird gelöscht“ sind meiner Beobachtung nach nun wirklich Unsinn.
Eine politische Linie kann ich nicht wirklich erkennen. Außerdem gestehe ich jedem Blog-Betreiber und jeder Blog-Betreiberin eine rigorose Moderationspolitik in den Kommentaren zu. Das liegt im redaktionellen Verantwortungsbereich.
Alles andere lockt nur Neonazis und/oder Trolle an. Die Beispiele derWesten.de und auch das Blog der Christuskirche Bochum mahnen uns. Da dürfen ja bekanntlich KommentatorInnen auch rassistische Äußerungen verbreiten und fordern, „das Rassenthema“ ressentimentfrei zu behandeln.
Auch das ist „falsch verstandener Liberalismus“ (Zitat Florafauna), der Ausgrenzungsverhältnisse ignoriert und ihnen damit ein Forum bietet. Es ist schon Aufgabe einer Publizistin oder eines Publizisten, redaktionell zu entscheiden, was im eigenen Blog stehen soll. Das betrifft auch die Kommentare.